Sonntag, 28. August 2016

Landschulheim Schloss Heessen

Schloss Heessen > Geschichte

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Das westfälische Wasserschloss Heessen blickt auf eine lange, wechselvolle Geschichte zurück

 

 

Ein Hof Heessen an anderer Stelle

Der Ortsname „Heessen“ wird 975 erstmals im Zusammenhang mit einem befestigten Oberhof des Bischofs von Osnabrück erwähnt. Dieser Wehrhof „curtis hesnon“ taucht in einer Urkunde des Jahres 1200 ein zweites Mal auf, nun als Besitz des Grafen Arnold von Altena-Isenberg. Dessen Enkel Dietrich trägt den Hof einem Gerwin von Rinkerode als Lehen auf.

Nach dem Erlöschen der Familie von Rinkerode geht das Lehen über die Erbtochter Gostie an ihren Gatten, Dietrich II., Ritter  von Volmerstein.

 

Die erste Burg Heessen am Lippeufer

Nachdem sein Vater, Dietrich I., in manchen Urkunden noch als Graf auftrat, erreicht dessen Enkel, Dietrich III.,  nicht einmal den Ritterstand. Seine Witwe Agnes von Döring und ihr Sohn, Dietrich IV., bauen in unmittelbarer Nähe des Lehnhofes Heessen – auf dem Gelände des heutigen Schlosses – eine eigene Burg am Ufer der Lippe. Inmitten einer ausgedehnten Gräftenanlage entsteht während der 1360er Jahre diese Wasserburg, mit der sich das absteigende Adelsgeschlecht eine neue Machtbasis gründen will.

Doch mit der nächsten Generation stirbt auch die Familie von Volmerstein aus. Besitz und Lehen werden – erneut über eine Erbtochter – in die benachbarte Ritterfamilie von der Recke vererbt, die während der nächsten 350 Jahre von hier aus eine umfangreiche Grundherrschaft verwaltet.

 

Ein gotisches Herrenhaus – Vorbild für den Schlossumbau von 1905

Im 15. Jahrhundert bauen die von der Recke ihre Burg zu einem gotischen Herrenhaus um, mit Türmen, Erkern und Dachzierraten, wie die Überlieferung berichtet. Erinnerungen an dieses spätmittelalterliche Schloss werden die Umgestaltung des Gebäudes im frühen 20. Jahrhundert leiten.

Die Anlage von 1440 ist vierflügelig, der heute nicht mehr vorhandene Westflügel soll als Galeriebau mit offenen, säulengetragenen Bögen ausgeführt worden sein. Die Mauern sind von einem Wassergraben umspült.

 

Im 16. Jahrhundert werden zahlreiche Vorburgbauten neu errichtet. Das noch heute nahezu unveränderte Torhaus und das Eingangstor datieren aus der Zeit um 1580, als Jobst von der Recke Herr auf Haus Heessen war. Der alte Hof Heessen brennt im nächsten Jahrhundert ab.

 

Anna Elisabeth von der Recke schließlich, selber kinderlos, vermacht Haus Heessen 1775 dem Freiherrn Friedrich Joseph von Boeselager, einem Enkel ihrer Tante Rosine.

Der Vorgängerbau unseres Gebäudes: ein Schloss im klassizistischen Stil

Der neue Besitzer lässt Haus Heessen gründlich neu gestalten. Im Stil der Zeit entsteht in den Jahren 1780 bis 1782 eine schlichte, dreiflügelige Anlage, der der Westflügel und der westliche Bereich des Schlossgrabens zum Opfer fallen.

 

Aber mit der Schenkung an die von Boeselager ist der evangelische Zweig der Familie von der Recke nicht einverstanden, so dass sich ein jahrzehntelanger Rechtsstreit mit wechselnden Prozesserfolgen anschließt. Am 16. Februar 1808 werden die von Boeselager gegen Zahlung einer Abstandssumme in ihre alten Besitzrechte wieder eingesetzt.

 

Es sind die letzten Jahre eines ausgehenden feudalistischen Zeitalters. Die Heessener „Herrlichkeit mit Gerichtsbarkeit“ wird 1812 aufgehoben. Das Richtschwert hängt heute in Höllinghofen, dem Wohnsitz der Familie von Boeselager.

 

In den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Herrschaft hat Heessen wieder – wie schon im Dreißigjährigen Krieg – schwer zu leiden. Auch das Wetter bereitet in diesen Jahren häufig große Sorgen. In manchem Sommer herrscht Wassermangel, Winter und Frühjahr sind oft außerordentlich kalt. Im April des Jahres 1799 etwa sinkt das Thermometer auf minus 30 Grad. Immer wieder vereist die Lippe, Fische erfrieren, eines Nachts zerbricht unter dem Eisdruck das alte Wehr. Auch die Grundmauern des neuen Schlosses sind gefährdet; vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die Schlossgräfte weiter und weiter zurückgebaut wird. 

Im 19. Jahrhundert stehen große politische Veränderungen an. Die Preußischen Reformen schaffen alte feudale Herrschaftsrechte ab; so wurde im Jahr 1812 die patrimoniale Gerichtsbarkeit aufgehoben; Haus Heessen ist von nun an in erster Linie ein großes land- und forstwirtschaftlich genutztes Gut, dessen Grundbesitz durch Erwerb umliegender Höfe und Flächen stetig wächst.

 

In Haus und Wirtschaft werden Neuerungen eingeführt: die Wasserversorgung für die Heessener Gemeinde kann mit einem neuen Pumpwerk gesichert werden, das Schloss stattet man 1825 mit einer Abwasseranlage aus; 1826 wird westlich des Schlosses ein Rosengarten angelegt, und 1846 lässt man mit dem „water closet“ eine englische technische Innovation installieren, die Verwandte und Bekannte beeindruckt und das fortwährende Mittelalter im sanitären Bereich beendet. (Bei einem Besuch auf Schloss Heessen hat auch Annette von Droste-Hülshoff, eine Freundin der Familie, die Neuerwerbung zu sehen bekommen.)

 

Eine Ziegelei und eine Schlossbrauerei werden eingerichtet.

1826 hat der preußische Staat erhebliche Maßnahmen zur Schiffbarmachung der Lippe in Angriff genommen und auch in Heessen, in unmittelbarer Schlossnähe, einen Schleusenkanal graben lassen, der innerhalb einer Südbiegung des Flusses eine dreieckige Insel abschneidet. Auf diesem Flurstück wird mit dem Erdaushub der Kanalbauten eine Parklandschaft modelliert, die seither als „Liebesinsel“ oder „Insul“ einen erheblichen Freizeitwert – zunächst für die Familie von Boeselager, heute für die Schülerinnen und Schüler des Landschulheims – gewonnen hat.

Das Schloss in seiner heutigen Gestalt: Der Umbau von 1905 bis 1907

Haus Heessen ist über die Jahrhunderte immer wieder umgebaut worden. Aus einem vierflügeligen burgähnlichen Bau wurde die dreiflügelige klassizistische Anlage des 18. und des 19. Jahrhunderts.  

  

 

Noch heute steht das Schloss mit seinen Grundmauern auf massiven Eichenpfählen, die im 14. Jahrhundert unter den Volmersteinern in den sumpfigen Boden der Lippeniederung getrieben worden waren. Diese Gründungpfähle liegen ständig unterhalb des Grundwasserspiegels, so dass sie nahezu unbeschädigt die Jahrhunderte überstanden haben.

Auf alten Fundamenten wird das Haus von 1905 bis 1907 in seinem heutigen neugotischen Erscheinungsbild errichtet. Ergänzt wird ein Turmbau, dessen Giebel die Höhe von 30 Metern erreichen; dieselbe Stufenform findet sich in den übrigen Schaugiebeln wieder, etwa beim Küchenanbau und über der Südflügelfassade. Die Treppenhaustürme der Wendeltreppe werden nach erhaltenen Vorbildern spätmittelalterlicher Bauweise errichtet, und Dietrich von Boeselager lässt von einem befreundeten englischen Architekten im Turm die Kapelle in „englischem Stil“ ausgestalten.

So ist Schloss Heessen in den Jahren ab 1926 nur noch als eleganter, stilvoller Wohnsitz in den Annalen vermerkt, schließlich 1934 verpachtet an den nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund und nach 1945 als Altersheim der Stadt Münster genutzt.

Schloss Heessen ist seit 1957 privates Tagesgymnasium und Internat für 380 Jungen und Mädchen. 120 Kinder wohnen im Internat in den historischen, aber für den heutigen Zweck umgebauten, erweiterten und renovierten Räumen. Ein Schulgebäude ist an die Stelle der Orangerie und des Forsthauses getreten und in den ehemaligen Ställen wird gelernt. Geschichten und Erinnerungen an die bewegten Jahrhunderte sind aber immer noch gegenwärtig – im Unterricht wie im Internat; besonders, wenn man des nachts im knackenden Gebälk den Schlossgeist (vielleicht Ritter Dietrich IV. von der Recke-Volmerstein?) wandern hört.


Literatur

- Klaus Rübesamen, Zur Baugeschichte von Schloss Heessen. Spurensuche am Gebäude, Münster (Edition Octopus) 2012.
- Klaus Rübesamen, Das Lippetal zwischen Heessen und Hamm in alten Karten. Zum historisch-topographischen Umfeld von Schloss Heessen als Hintergrund seiner Baugeschichte, Münster (Edition Octopus) 2012.

- Schloss Heessen 975-2008. Broschüre zum Tag des Offenen Denkmals 2008. Projekt „Archiv und Jugend“, hrsg. v. d. AG Schlossgeschichte des Landschulheims Schloss Heessen, Hamm 2008.

- Festschrift des Landschulheims Schloss Heessen Hamm aus Anlass des 50jährigen Schuljubiläums im Jahre 2007, hrsg. v. Landschulheim Schloss Heessen, Hamm 2007.

- Horst Conrad, Aus der Geschichte des Hauses Heessen an der Lippe vom Ende des 18. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, in: Der Märker 45 (1996) S. 106-117.

- Dorothea Kluge, Per Zufall entdeckt. Schlosskapelle in Heessen, in: Hamm im Westfalenspiegel (1983) S. 1-2.

- Wolfhard Freiherr von Boeselager, Adel verpflichtet – auch an der Lippe, in: Hamm – Heessen. Tor zum Münsterland, hrsg. v. Wolfgang Gernert, Hamm 1989, S. 19-23.

- Emil Steinkühler, Heessen (Westf.). Die Geschichte der Gemeinde, hrsg. v. d. Gemeindeverwaltung Heessen, Hamm 1952.
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